(K)ein Jahr ohne Autonomes Zentrum Altona

Am 23. April jährt sich zum ersten Mal die Besetzung des ehemaligen Finanzamtes in der Großen Bergstraße 264. Letztes Jahr versuchten dort mehrere hundert Menschen, in und vor dem Gebäude, sich ihr Recht auf Stadt zu nehmen und ein Autonomes Zentrum in Altona-Altstadt zu etablieren. Nach ca. 7 Stunden räumte die Polizei das „Autonome Centrum Altona Bahnhof“ und leitete Strafverfahren gegen die verbliebenen 40 Besetzer_innen sowie eine solidarische Person vor dem Haus ein.

Seitdem ist viel passiert im ehemaligen Finanzamt. Schon wenige Monate nach der Besetzung tönte Mark Classen (SPD) herum, er wolle ein „Kreativzentrum“ dort einrichten, um „Mehrwert für Altona“ zu schaffen. Zeitweise hieß das auch mal „Community Center“ oder „Creative Campus“, das Konzept bleibt das gleiche: Kulturelle und vor allem ökonomische Aufwertung des Stadtteils durch Akteur_innen aus der „Creative Class“ (Richard Florida). Das ist genau die Sorte Stadtentwicklung, die schon seit Jahren unter dem Label „Marke Hamburg“ die Gentrifizierung Altonas, des Schanzenviertels, St. Paulis und anderer Stadtteile vorantreibt. Laut einer Pressemitteilung des Senats sind nun zwei der vier Etagen durch die stadteigene Kreativ Gesellschaft an Mieter_innen aus der „Kreativwirtschaft“ vermittelt worden, eine dritte vermietet sie selber an das gleiche Klientel.

Viele scheinen noch zu denken an Aufwertung gäbe es nichts auszusetzen. Das Straßenbild wird sauberer, die baufälligen Gebäude werden saniert und die Läden freuen sich, weil mehr Kund_innen ins Viertel kommen. Aber wo viel Nachfrage ist, zieht es auch das Angebot hin, und es gibt keine unbegrenzte Zahl von Gewerbe- und Wohnräumen in Altona-Altstadt. Eine Mietsteigerung im Zuge der Gentrifizierung ist genauso unausweichlich, wie dass es Mieter_innen gibt, die sich keine Mietsteigerung leisten können. Die Kräfte des Markts sind keine schadlose Wunderheilung für das Schmuddelquartier, sondern befördern die Konkurrenz unter denen die dort wohnen und arbeiten. Die Grundeigentümer_innen und Vermieter_innen freut es, dass sie ihre Ware (Wohn- bzw. Gewerbeflächen) jetzt für noch mehr Geld verkaufen können. Der Rest darf sich um die neugebauten Sozialwohnungen und Gewerbeflächen in der Neuen Mitte Altona prügeln oder an den Rand Hamburgs ziehen. Von Bezirk und Stadt sind hierzu höchstens Lippenbekenntnisse zu erwarten, um Wähler_innenstimmen zu gewinnen.

Dass nun, neben IKEA und der Neuen Mitte, ausgerechnet der Wunsch nach einem Autonomen Zentrum für die Gentrifizierung Altonas instrumentalisiert werden soll, ist ein kluges Manöver des Bezirks. Entgegen den Fantasien eines Mark Classen, war es aber nie das Anliegen der Kampagne für ein AZ Altona, noch mehr leicht-verwertbaren Schickimickischeiß in Hamburg zu etablieren. Mit einem selbstverwalteten Zentrum soll ein Kontrapunkt gegen steigende Mieten, gegen Verdrängung und Aufwertung durch die Immobilien-Verwertungs-Koalition von Stadt und Unternehmen gesetzt werden. Wir wollen und brauchen einen Ort, an dem wir respektvoll und solidarisch miteinander umgehen, wo wir kritisch, kreativ und aktiv sein können und den Rahmen dessen selbst bestimmen! Wir sind Aktivist_innen aus Altona und Umgebung, die ein Autonomes Zentrum in Altona wollen und für absolut notwendig halten. Auf regelmäßigen Treffen diskutieren und entwickeln wir Ideen und beteiligen uns an der Realisierung eines selbstverwalteten Zentrums. Auch wenn das ehemalige Finanzamt zum „Creative Campus“ verkommt: Es gibt immer noch viel zu viel Leerstand in Altona!


2 Antworten auf „(K)ein Jahr ohne Autonomes Zentrum Altona“


  1. 1 leerstandsphobiker 21. März 2012 um 17:59 Uhr

    findet ihr den leerstand jetzt gut oder schlecht? in der großen bergstraße vorm ikea-hype war er gut, weil er die straße verwahrlost aussehen lies und sie somit unattraktiv fürs gentrifizierende großkapital gemacht hat – richtig? aber woanders ist er schlecht, weil leerstand ungenutzter raum ist, den ihr gerne nutzen würdet – richtig?
    ich glaub, da hängt eure argumentation irgendwie. oder ich kapiers nicht.

    glaubt ihr wirklich an das angebot-nachfrage-dogma der vwl-lehre, und an die ominösen „Kräf­te des Markts“?

    ist die maximal mögliche mietsteigerung für bestands-mieterInnen nicht so gering, dass sie ohne große mühen aufgebracht werden kann?

    wer ist eigentlich das handelnde subjekt, wenn ihr von „bezirk“ sprecht? verwaltungsbeamte? politikerInnen? glaubt ihr wirklich, die interessieren (nur) wählerInnen-stimmen?

    wie gesagt, vielleicht begreife ich einfach eure grundsätzliche argumentation nicht. aber wie soll mit einem SZ irgendwie ein einfluss auf „die Im­mo­bi­li­en-​Ver­wer­tungs-​Ko­ali­ti­on von Stadt und Un­ter­neh­men“ genommen werden? weil ein paar schmuddel-transpis aus nem gebäude in ner nebenstraße hängen, ändert sich irgend etwas an dem, was ihr als „aufwertung/verdrängung“ diagnostiziert? warum sollte sich die veränderung der bergstrasse oder des restaurants gegenüber ändern, wenn ihr in „eurem“ gemäuer kreativ seid?? (und, mal wieder, wer ist gemeint, wenn ihr von der „stadt“ sprecht? glaubt ihr, dass es da einen monolithischen block gibt, der zusammen mit „den unternehmen“ ein „aufwertungsszenario“ vorantreibt?

  1. 1 HH: Aktionen zu 1 Jahr Finanzamt Besetzung « Angriff die Beste Verteidigung ! Antifa Nord ! Wir sind AntifaschistInnen aus Niedersachsen, und umzu.. Pingback am 26. April 2012 um 17:05 Uhr
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